Der Weg des Bergkristalls

„Darf ich den mitnehmen?“. „Naja, also ...“, sagte der Vater und offenbar hielt die Unsicherheit des Vaters doch noch einen Augenblick länger an, „... also, wenn du ihn selbst trägst, kann ich ja nichts dagegen haben“ - und so kam es, dass Fabius und – du hast es sicherlich schon geahnt – später auch der Vater den Stein viele Meter und Stunden durch die Berglandschaft trugen. Damit ist die Geschichte des Bergkristalls natürlich noch nicht zu Ende. Nach vielen Stunden des Schleppens fragte Fabius, ob er aus dem Rucksack, den der Vater trug, etwas zu trinken haben könne. „Natürlich“ sagte der Vater und legte den Quarz für einen Moment ab. Was dann geschah, ahnst du wahrscheinlich schon.

 Alle, auch die Kleinsten haben es geschafft

Aber nun will ich dir noch zunächst davon erzählen, was die beiden überhaupt dort oben im Gebirge zu suchen hatten. Sie waren im August mit der Familiengruppe Feuersalamander der Bezirksgruppe Böblingen für drei Nächte in der Heilbronner Hütte. Nach einer Anfahrt über die beeindruckend steile und enge Silvrettahochalpenstraße hatten sie die Autos am Zeinisjoch in der Nähe von Galtür abgestellt und den steilen Aufstieg zur Hütte gewagt. Auch die Kleinsten, also die Sechsjährigen, hatten diesen Weg gut gemeistert. Bei der Heilbronner Hütte hatte die Familiengruppe die Peter-Käß-Hütte für sich, wo Matratzenlager für 28 Personen eingerichtet sind, und ließen sich durch den Hüttenwirt und seine fleißigen Mitstreiter mit Frühstück und reichhaltigem Abendessen im Haupthaus verwöhnen, so hatten sie nicht auch noch die ganzen Lebensmittel den Berg hinauf tragen müssen.

Vesperbrote hübsch serviert

Die Sonne lachte die meiste Zeit vom Himmel und so konnten sie ausgehend von der Heilbronner Hütte an zwei Tagen Touren mit Wegstrecken von ca. 5 bis 7 Kilometern und bis zu 500 Höhenmetern gehen. Dabei wanderten sie große Teile abseits der Wege und orientierten sich lediglich an Steinmännchen und GPS-Daten. Auf diese Weise erforschten sie an einem Tag die Gegend der 100 Seen, kraxelten und kletterten über Steine und Geröll, fanden allerlei Tiere – ja, auch Murmeltiere, badeten und genossen die Wärme. Sie machten ausgiebige Pausen auch um ihre Vesperbrote auf den größten Steinen als großes Buffet zu verteilen, dass selbst der Verzehr eines Käsebrots zum Erlebnis wurde.

Lustige Spiele draußen und drinnen

An einem anderen Tag erzählte der Hüttenwirt Fredi die Geschichte vom Brüllenden See, der das nächste Ziel war. Ein Bad im eiskalten Wasser des Sees wagten nur wenige, beliebter waren das Staudamm bauen, das Sammeln von Wollgras, das sich prima zu Kugeln formen lässt, oder das Naschen von Heidelbeeren. Ja und, du hast es dir bestimmt schon gedacht, es lassen sich ganz besondere Steine dort oben finden. Bevor ich aber die Geschichte vom Bergkristall zu Ende erzähle, kann ich dir noch sagen, dass die Feuersalamander eine prima Zeit hatten und auch auf der Hütte ihren Spaß hatten mit Mau-Mau, Uno, dem Brunnen vor der Hütte und dem Kneipp-Becken, das so kalt war, dass die Kinder es vollkommen zu recht ein Kneif-Becken nannten.

Schöne Steine für alle Kinder

Ja, aber was war denn nun mit dem Bergkristall? Wie du dich vielleicht erinnerst, hatte der Vater den schon lange mühsam getragenen Stein nur für einen kurzen Augenblick abgelegt. Sie wanderten dann weiter – und vergaßen den Stein. Oh, was war das für ein Bedauern, als der Vater etwas später bemerkte, dass der Bergkristall noch irgendwo lag. Und weil sie, wie ich bereits gesagt hatte, abseits der Wege gingen und es natürlich sehr viele Steine da oben gibt, konnte der Vater noch so lange suchen – er konnte den Quarz nicht wiederfinden. Nun der Bergkristall, der blieb also verloren. Das ist nun mal eine Tatsache. Da waren Fabius und der Vater und alle anderen Kinder, die ebenfalls wunderbare Quarze und Steine gefunden hatten und deshalb gut mitfühlen konnten, zunächst schrecklich traurig.

Aber zum Glück gab es dort in den Bergen noch andere tolle Steine und wenn auch keiner so wunderschön war, wie der verlorene Bergkristall, waren die anderen doch alle so schön, dass der Vater am Ende ganz schön schwere Taschen transportieren musste und warum das so war, kannst du dir ja wohl selbst denken.

 

 

Text: Christian Järkel, Bilder: Familiengruppe Feuersalamander